Ahlam Shibli
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Ulrich
Loock, 2006
Seit Ahlam Shibli 1996 begonnen hat, an ein Publikum für ihre
Fotos zu denken, gruppiert sie gewöhnlich eine größere
Anzahl von Bildern unter einem bestimmten Titel. Bei »Positioning«
(2002) oder »Refuge in the Frost« (2005) handelt es
sich um Bilder, die sie einzeln aufgenommen und später zu umfangreicheren
Arbeiten zusammengestellt hat. In anderen Fällen definiert
sie ein umfassendes Projekt und bereitet es bis in seine Einzelheiten
vor, bevor das erste Foto gemacht wird. »Trackers« wurde
im Jahr 2005 fotografiert und besteht aus 85 Bildern, 44 davon schwarzweiß,
der Rest farbig. Die meisten Bilder sind in kleineren Reihen oder
Blöcken organisiert und messen 37 cm x 55,5 cm, während
gelegentlich größere, allein stehende Formate die Gruppen
unterbrechen.
Ahlam
Shibli hat gesagt, »Trackers« sei ein Mittel dazu, nachzudenken
über »den Preis, den eine Minorität an die Majorität
zu zahlen hat, vielleicht um akzeptiert zu werden, vielleicht um
ihre Identität zu wechseln, vielleicht um zu überleben
oder vielleicht um dies alles und noch mehr zu erreichen«.
Die Arbeit handelt von Palästinensern beduinischer Herkunft,
Bürgern des Staates Israel, die im Unterschied zu den meisten
arabischen Einwohnern des jüdischen Staates als Freiwillige
in der israelischen Armee dienen. Dort werden sie zu Spurenlesern
ausgebildet (»trackers«), die in den von Israel besetzten
palästinensischen Gebieten und vor allem an den Grenzen eingesetzt
werden. Es gehört zu ihren Aufgaben, Eindringlinge ebenso wie
Waffenverstecke aufzuspüren. Somit befinden sich palästinensische
Angehörige der israelischen Armee und Palästinenser in
den besetzten Gebieten in einem Zustand der direkten Konfrontation.
Manchmal werden die Freiwilligen als Verräter betrachtet. Auf
der anderen Seite ist zu hören, es gehöre zum Charakter
der Beduinen, sich auf die Seite des jeweiligen Staates zu stellen,
in dem sie leben. Auf der Website der IDF (Israeli Defense Forces)
schließlich wird von einem Spurenleser berichtet, der bereits
in der zweiten Generation dient. Er sei in die Armee eingetreten,
da er als Jugendlicher so viel von den Soldaten gehört habe,
dass er nicht habe abseits stehen wollen. Ahlam Shibli beansprucht
bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Militärdienst von Palästinensern
in den IDF, auf keines von diesen Erklärungsmodellen zurückzugreifen,
sondern einen Beitrag zu leisten zur Soziopsychologie von Minderheiten,
genauer: zur Soziopsychologie eines eingeborenen Volkes unter Kolonialherrschaft.
Die
Installation von »Trackers« ist in sieben Kapiteln organisiert,
die sich, obgleich nicht scharf voneinander abgegrenzt, folgendermaßen
beschreiben lassen: Ausbildung an der Waffe, Häuser/Dorf, Freizeit/Familie,
Dekoration der Wohnung, Friedhof, Trainingslager, Vereidigungs
und Diplomzeremonie. Ahlam Shibli fotografiert die Soldaten bei
der militärischen Ausbildung, ihr Zuhause und ihre Gräber.
Vollkommen fehlen Bilder, welche die Spurenleser beim Einsatz zeigen,
und überhaupt gibt es kaum Fotos von Soldaten in Aktion.
Durch
die Bilder von Friedhöfen gibt Ahlam Shibli ihrer Arbeit eine
geschichtliche Dimension. Eine Grabplatte -- der offizielle Stein
der Armee -- dient
dem Gedenken eines 1991 im Libanon mit 35 Jahren gefallenen Soldaten.
In einem anderen Foto ist auf einer mit grüner Farbe beschriebenen
Tafel im Anschluss an einen Vers aus dem Koran (»Und betrachte
nicht diejenigen, die auf Allahs Weg gefallen sind, als tot. Nein!
Sie leben bei ihrem Herrn, und sie werden dort versorgt.«)
folgende Widmung zu lesen: »Die Gräber der 14 von Gott
gerechtfertigten Märtyrer, die sich für die Heimat geopfert
haben und deren Identität unbekannt ist. Im Jahr 1969.«
Von einem Ortsansässigen, den Ahlam Shibli auf dem Friedhof
getroffen hat, weiß sie, dass Angehörige der israelischen
Armee im Jahr 1969 eines Nachts die nackten Leichen von 14 Kämpfern
mit unkenntlich gemachten
Gesichtern gebracht und den Dorfvorsteher aufgefordert haben, sie
zu begraben. Es habe sich um palästinensische Kämpfer
gehandelt, die aus dem Libanon nach Israel eingedrungen seien. Die
Gräber -- und darin ähneln sie dem Foto -- bedürfen
der Beschriftung. Die Beschriftung gibt zu erkennen, wer der Tote
und was sein Schicksal war. Ohne sie sind die Gräber unterschiedslos
nichts als die letzte Ruhestätte von Verstorbenen. Nebeneinander
gezeigt, legen die beiden Fotos dem Betrachter nahe, den gewaltsamen
Tod eines palästinensischen Angehörigen der israelischen
Armee im Jahr 1991 in Verbindung zu bringen mit dem Tod von Kämpfern
gegen den jüdischen Staat, die entweder im Jahr 1948 im Zusammenhang
mit der Gründung des Staates Israel aus ihrer Heimat hatten
flüchten müssen oder sich als Einwohner Israels später
dem bewaffneten Kampf angeschlossen hatten. Unausgesprochen, durch
die Auswahl der Bilder evoziert, bringt Ahlam Shibli ins Spiel,
was keines der 85 Fotos von »Trackers« zeigt: die tödliche
Konfrontation von Palästinensern mit Palästinensern, bewirkt
durch den Staat Israel.
Mit
den Fotos der Gräber von 1969 und 1991 wird eine Verbindung
hergestellt zwischen dem Militärdienst der jungen Freiwilligen,
deren mögliche Zukunft es ist, mit einem ähnlichen Stein
wie der Tote von 1991 begraben zu werden, und den arabischen Niederlagen
von 1948 und 1967 mit ihren bekannten Folgen -- Annexion von palästinensischem
Land, Vertreibung eines großen Teils der einheimischen Bevölkerung,
Unterdrückung, kulturelle Desintegration und Diskriminierung
der Zurückgebliebenen. Indem Ahlam Shibli aber die Gräber
von Kämpfern für und gegen den Staat Israel fotografiert,
deren Todesdaten
so weit auseinander liegen, dass sie nie einander haben gegenüberstehen
können, wahrt sie gleichzeitig eine Distanz zwischen ihnen,
die jede eindeutige Aussage über ihre gegenseitige Beziehung
vermeidet. Weder legen die Fotos fest, welcher Art die Verbindung
zwischen dem einen und dem anderen Tod ist, noch nehmen sie Stellung
zu der Frage nach Recht oder Unrecht der Handlungen, an deren Ende
die abgebildeten Gräber stehen. Für den Tod der feindlichen
Kämpfer machen sie nicht die unmittelbaren Gegner selbst verantwortlich,
sondern den Staat, für oder gegen den sie kämpfen. Daher
sind die Fotos zugleich und vielleicht vor allem anderen Bilder
des Totengedenkens, das diesen jungen Palästinensern unabhängig
davon gewidmet ist, auf welcher Seite sie gekämpft haben. Auf
einem Bild stehen Plastikstühle zwischen den Gräbern,
Zeichen der häufigen Anwesenheit von Lebenden an diesem Ort.
Die
Bilder zeigen, was ist, die Gräber der Toten von 1969 und des
Toten von 1991. Zu realisieren, was sie implizieren, bleibt dem
Betrachter überlassen. Alle Bilder von Ahlam Shibli charakterisiert
das ruhige, lang dauernde Verharren der Fotografin beim Wirklichen.
Das wird deutlich im Vergleich zwischen ihren eigenen Fotos der
Soldaten und den Fotos, die sie in den Häusern von deren Familien
gesehen und fotografiert hat, wo sie neben anderen Bildern die Wände
zieren. Die ErinnerungsFotos zeigen Soldaten in kämpferischer
Haltung oder in der Pose von Kameraden, die sie für den Fotografen
einnehmen: Ihre Körper
werden zu Trägern von verbindlichen und normierten Signifikanten
der soldatischen Funktion und damit ihrer Besonderheit entkleidet.
Ahlam Shibli hingegen fotografiert die Soldaten nicht als solche
Soldaten, sondern sie bildet Individuen in einer bestimmten Situation
ab: Rekruten beim Militärdienst, die tun, was man als Angehöriger
der Armee zu tun hat. Besonders eindrucksvoll lässt sich dies
bei den drei Porträtaufnahmen von Soldaten sehen, deren Gesichter
für ein Training im Freien bemalt sind. Wie alle anderen Bilder
von »Trackers« zeigen auch diese Fotos nicht die »menschliche«
Seite der Armee, sondern ihre gesellschaftliche. In dieser Hinsicht
erweisen sich Ahlam Shiblis Bilder viel stärker von etwas Allgemeinem
geprägt als die konventionellen Bilder vom Militär, die
bei den Familien der Soldaten an den Wänden hängen.
Abgesehen
vom dokumentarischen Wert der Innenaufnahmen mit dem Bilderschmuck
(es gibt keine Bilder von der sonstigen Einrichtung der Häuser
-- Ahlam Shibli hat kein ethnografisches Programm), dienen sie der
Reflexion über die ästhetischen und ideologischen Modalitäten
des fotografischen Projektes selbst.
Es
ist charakteristisch für die Bilder von »Trackers«,
dass die Soldaten kaum in Aktion gezeigt werden -- ganz im Gegensatz
zu dem, was die Medien
suggerieren, die sie selbst konsumieren: In einem Foto liegt ein
Magazin mit dem Titel Der Kämpfer auf dem Tisch, und in einem
anderen Foto schaut ein Soldat in Zivil in eine Zeitung, deren Überschrift
»Der Tod« lautet, und eine zweite Zeile, »Anstatt
meiner wurde mein Freund getötet«. Bei Ahlam Shibli aber
bleibt von einem nächtlichen Training nichts als die zarten
Bilder von Gräsern und Bäumen im Scheinwerferlicht; die
Ausbildung mit Handgranaten ergibt das Bild eines Soldaten, der
ängstlich und mit äußerster Vorsicht die Granate
hält, die ihm gerade ausgehändigt wurde; von den Rekruten,
die lernen, welche Wirkung verschiedene Geschosse haben, sieht man
nur ihre Beine und ihre Schatten. Aktion wird fast ausschließlich
durch ihre Nebeneffekte gezeigt. Auf vielen Bildern aber schlafen
die Soldaten, ruhen sich aus, warten, sitzen im Klassenzimmer oder
im Büro, sind zu einer Zeremonie angetreten. In pragmatischer
Hinsicht ist es für einen Fotografen vermutlich weniger schwierig, Menschen
zu fotografieren, deren Aufmerksamkeit eingeschränkt oder abgelenkt
ist. So nehmen sie etwas von den unbelebten Objekten an, die keinen
aktiven Einfluss ausüben auf das Bild, das von ihnen gemacht
wird, und entsprechen schon durch ihre Seinsweise dem objektivierenden
Effekt der Kamera. In manchen Bildern sehen die schlafenden Soldaten
aus wie Tote. Ahlam Shibli sucht eine bestimmte Distanz zu den Personen,
die sie fotografiert, und umgeht die Interaktion mit ihnen. Mit
wenigen Ausnahmen lassen die Bilder die Anwesenheit der Fotografin
nicht erkennen, und viele Bilder wurden gemacht, ohne dass die betreffenden
Personen dies überhaupt bemerkten. Ahlam Shibli vermeidet ihre
eigene Beteiligung an der jeweiligen Situation zugunsten einer Position
der Reflexion, explizit in ihren Fotos von Fotos.
Das
Fehlen von Bildern militärischer Einsätze, die Vertretungvon
Aktion durch ihre Nebeneffekte, die Inaktivität der ruhenden
oder zu einer Feier angetretenen Soldaten, die vielen Gräber
und eine fotografische Ästhetik, die Spannungen und momentane
oder prekäre Konstellationen meidet, eine Art der Darstellung
des Militärs also, die sich von allen militärischen Bildern
unterscheidet, imprägnieren »Trackers« mit einer
schwer nachweisbaren Atmosphäre von Fatalität. Das Fehlen
von selbstbestimmter Handlung liegt wie ein Zauber über diesen
Bildern. Es kann sein, dass dieser Eindruck ausgelöst wird
von einem abgewandten Kopf (das erste Bild der Serie), dem immer
wieder der Fotografin zugewendeten Rücken, einem bestimmten
Gesichtsausdruck, einer über den Kopf gezogenen Decke, der
Art, wie vier Männer sitzen, vier Soldaten ihre Gewehre in
die gleiche Richtung halten oder von vielem anderen.
Zwei
Gruppen von Bildern handeln von der Herkunft der jungen Soldaten,
ihren Familien und dem Dorf, sowie den Häusern, die sie sich
nach Ende ihrer dreijährigen Dienstzeit bauen. Hier gibt es
Bilder voll unerwarteten Glücks wie das Foto von zwei Freunden,
die sich zusammen
im Freien unter einem Baum auf einer Liege ausgestreckt haben, oder
das Foto eines Uniformierten, der im traditionell eingerichteten
Wohnzimmer der Familie auf einem Kissen lagert und den Eindruck
erzeugt, dort voller Selbstbewusstsein zu Hause zu sein. Doch den
Rekruten, die Ahlam Shibli in ihre Heimatdörfer begleitet hat,
ist anzumerken, dass sie auf Besuch sind und sich ihrer Position
nicht vollkommen gewiss fühlen. Selbst dem jungen Mann, der
sich zusammen mit seinem Vater, der sich die Waffe des Sohnes umgehängt
hat, vor Vorhängen und einem Diwan für ein martialisches
Foto aufstellt, fehlt der sichere Stand. Die Atmosphäre der
Fatalität, welche die Bilder vom Militär durchzieht, setzt
sich fort in Bildern des Wartens, des schweigenden BeieinanderSitzens,
der lähmenden Ruhe in der Familie und unter Freunden -- als
müsste gleich etwas geschehen.
Am
ehesten vermitteln die Bilder der jungen Männer mit ihren Tieren
ein Gefühl der Zugehörigkeit und des lebendigen Umganges
mit den Dingen der Umgebung. Genau diese Vertrautheit mit den Tieren
und dem freien Land, auf dem sie sich bewegen, ist es, was die Beduinen
zu ihrem speziellen
Dienst im Militär geeignet macht -- nur diese Männer,
deren Vorfahren Hirten und Nomaden gewesen sind, werden in der Armee
zu Spurenlesern ausgebildet. Nach dem Ende ihrer Dienstzeit haben
sie das Recht, zu einem günstigen Preis ausreichend Land zu
kaufen, um ein Haus zu bauen. Einige Fotos zeigen solche Häuser,
manche von ihnen überdimensionierte Villen, gelegen in einer
verwahrlosten Nachbarschaft oder verloren in verwüstetem Land.
In einem Bild zeigt Ahlam Shibli an einer ungepflegten, leeren Straße
nichts als das Tor zu einer solchen Villa, flankiert von
massiven Pfeilern aus Stein und geschmückt mit zwei großen
israelischen Flaggen. Wieder suggeriert sie Verbindungen zwischen
mehreren Aufnahmen, die es einem Betrachter erlauben, Schlüsse
zu ziehen, die in den einzelnen Bildern nicht formuliert werden.
Die Fotos lassen erkennen, dass die Treue zum Staat Israel, die
mit der Möglichkeit belohnt wird, ein Haus zu bauen, zu desintegrierten
Gemeinden führt, in denen einzelne Familien sich aus dem dörflichen
Kollektiv ausgrenzen.
Ahlam
Shiblis fotografische Ästhetik ist durch die Fragmentierung
von Zusammenhängen und die Fokussierung auf isolierte Gesten,
Konstellationen und Umstände geprägt. Kein einzelnes Bild
beansprucht, eine bestimmte Situation umfassend darzustellen. Erst
die Verbindung von zahlreichen Einzelheiten, die eine detaillierte
Lektüre den Fotos entnimmt, erlaubt es dem Betrachter, eine
Aussage zu konstruieren, welche die Fotografin zu explizieren sich
zurückhält. Die Bilder handeln von der Situation von Palästinensern
beduinischer Herkunft, die als Freiwillige in der israelischen Armee
dienen und es mit ihrem Eid akzeptieren, gegen andere Palästinenser
eingesetzt zu werden. Sie zeigen diese Soldaten von einer Fatalität
betroffen, die auf die »Katastrophe« von 1948 zurückzuführen
ist, die Gründung des Staates Israel und die Niederlage der
arabischen Kräfte mit dem Resultat des Unterganges von Palästina.
Sie zeigen auch, dass der Dienst der Beduinen einschließlich
des Lohns, den die Spurenleser vom Staat erhalten, den Zusammenhalt
der palästinensischen Gesellschaft aufs Spiel setzt. Ahlam
Shibli gibt nicht nur zu erkennen, dass die Spurenleser einen hohen
Preis dafür zahlen, als Armeeangehörige von der israelischen
Gesellschaft akzeptiert zu werden, sondern auch, dass die Freiwilligen
doppelt zahlen, indem nämlich nicht allein ihre militärische
Tätigkeit selbst, sondern zusätzlich auch ihr Lohn sie
von ihrer eigenen Gesellschaft entfernt, ohne dass sie wirklichen
Zugang zu einer anderen Gesellschaft finden.
Mit
»Trackers« hat Ahlam Shibli ein fotografisches Werk
geschaffen, das schwer begreifbare und ebenso schwer annehmbare
Widersprüche innerhalb des Volkes exponiert, zu dem sie selbst
gehört. Es war schmerzhaft für sie, »Trackers«
zu fotografieren, da sie sich mit diesem Projekt die Aufgabe gestellt
hatte, eine Realität ihres Volkes und Entscheidungen von ihr
nahe stehenden Menschen in Bilder zu fassen, die sie für verhängnisvoll
hält. Sie findet aber, es sei notwendig, eigene Empfindungen
der Verzweiflung, der Scham und der Wut zu überwinden und auch
diese Schwäche in ihrer Sozietät zu zeigen, um die Möglichkeit
zu schaffen, sie zu korrigieren. Die Position der Fotografin selbst
betreffend, lässt sich sagen, dass Angehörige eines unterdrückten
Volkes erst dann ihre eigene Stimme gefunden haben, wenn ihnen unabhängig
vom Urteil des Unterdrückers eine kritische Haltung zu ihrer
eigenen Gesellschaft möglich ist.
In
ihrer fotografischen Praxis kann Ahlam Shibli schneidende Widersprüche
in ihrem Volk zwar sichtbar machen, aber nicht erklären. Sie
bedurfte der Lektüre von Frantz Fanon, um zu akzeptieren, dass
es zur Psychologie von unterdrückten Minderheiten gehört,
sich mit dem Unterdrücker zu identifizieren. Diese Lektüre
ermöglichte es ihr, das Phänomen des freiwilligen Militärdienstes
von Palästinensern beduinischer Herkunft aus Israel in den
IDF nicht als ein spezifisches Problem des palästinensischisraelischen
Konfliktes zu sehen, sondern als ein allgemeines Problem der Unterdrückung
einer Minderheit.
Ulrich Loock. "Ahlam Shibli: Widerstand gegen Unterdrückung / Resisting Oppression", Camera Austria.
Graz, no. 93, March 2006, pp. 41-52Camera Austria.
Graz, no. 93, March 2006, pp. 41-52 |